Mar 23 2007
Die Wiedergeburt
Jede Gesellschaft ist in sich geschlossen und lässt schwer nur Fremdes in ihren Kreis. Ich will nicht leugnen, dass es Ausnahmen gibt. Die Veränderungen in den asiatischen Ländern scheinen meine Behauptung zu widerlegen. Man betrachte nur Iran oder Indien, um zu sehen, wie schnell hier westliche Werte übernommen werden, aber zugleich eine heftige Ablehnung alles Westlichen nach sich ziehen. Darin liegt eine Art Schizophrenie. Kulturschizophrenie könnte man es nennen. Doch genug dieser Einleitung. Ich bin kein Soziologe noch Kritiker. Ich will nur von einer Begebenheit berichten, wie sie mir selbst passierte.
Zu der Zeit als diese seltsame Veränderung mit mir passierte, war ich in Indien unterwegs. Wie die meisten Travellers war ich auch indienbegeistert und fühlte eine ganz besondere Anziehung zu diesem wunderbaren Land. Ich liess mir eine Glatze schneiden, meditierte, machte Yoga, zog mich indisch an und ging langsam und bedächtig. Ich hatte gesehen, dass die meisten Spirituellen es so machen: Ein langsamer Schritt, Blicke voller Güte und ein sanftes, künstliches Lächeln um die Lippen. Dies waren wichtige Merkmale eines Esoterikers, eines Eingeweihten. Zum Glück bekam ich am Anfang der Reise schon einen heftigen Durchfall, so dass ich immer dünner und dünner wurde, fast Sadhudünn. So musste ich mir keine Gedanken mehr um mein Gandhilook machen.
Aufgefallen war mir schon zu Anfang das seltsame Verhalten der Kühe, wenn ich an ihnen vorbeiging. Sie schienen mich schon von weitem zu bemerken, und starrten mich an. Ich schenkte dem aber keine besondere Beachtung und schritt weiter durch meine Reise.
Doch je mehr ich versuchte ein Inder zu sein, mich in der Menge aufgehen zu lassen, desto sichtbarer wurde ich. Je sichtbarer ich wurde, desto mehr resignierte ich, verfiel in Depressionen. Ich musste einsehen, es war unmöglich ein Inder zu werden. Sie schienen mich abzuweisen. Als Tourist war ich OK, aber nicht als Inderzuwerdenversuchender. Das hatte ich zu akzeptieren. So hatte ich aber meine Reise überhaupt nicht vorgestellt. Diese Reise schien immer mehr eine Einbahnstraße zu sein, an deren Ende die Enttäuschung stand.
Aber es schien nur so. Wie es immer im Leben ist, kam die Rettung von einer unerwarteten Seite. Man möge mich auslachen oder für verrückt erklären, das macht nichts. Ich habe es einfach zu erzählen.
Eines schönen Nachmittags, als ich durch die Strassen spazierte, ging ich an einem Müllhaufen vorbei. Plötzlich hörte ich meinen Namen, ausgesprochen von einer sehr tiefen Stimme, mit einem komischen Akzent. Ich drehte mich um, sah aber niemand, der mir bekannt wäre. Da ich beschloss weiter zugehen, fiel mein Name noch einmal, und ich bemerkte, dass es von der Kuh sein müsste, die im Abfall ‘rumgewühlt hatte. Nun guckte sie mich aber an und blinzelte verschwörerisch mit den Augen. Sie deutete mir, ihr zu folgen. Ich tat dies, und wir landeten in einer kleinen Seitengasse, wo andere Kühe bequem herumlagen. Sie nahm mich zur Seite und sprach: “Wie lange willst Du eigentlich vor Dir selbst flüchten? Schämst Du Dich nicht? Dich unter die Menschen mischen zu wollen! Siehst Du das denn nicht? Du bist einer von uns, Du gehörst zu uns, ob Du es willst oder nicht. Komm und lebe mit uns.” Und indem sie ihre Kuhstirn an die meine rieb, sagte sie: “Herzlich Willkommen!” Ich war so baff, dass mir nichts anderes übrigblieb, als ihrer Einladung zu folgen.
Seit der Zeit lebe ich glücklich mit meinen neuen Brüdern und Schwestern in den Strassen Indiens und wühle fröhlich in den Müllhaufen an den Straßenrändern. Ab und zu ziehe ich auch einen Karren hinter mir. Ich fühle mich wie einer von ihnen und bin ganz und gar integriert in ihre Gesellschaft. Und wer denkt, dies sei eine Lügengeschichte, der sieht nur die Oberfläche der Wirklichkeit und nicht die tiefen und verborgenen Schichten, welche die Wahrheit selbst umgeben. Das, was wir Wirklichkeit nennen, ist nur die äusserste Schicht, die Kruste, die bedeutungslose Schicht.
Wen das hier nicht zufrieden stellt, der denke an die Möglichkeit der verschiedenen Existenzformen in den vorigen Leben und an die Wiedergeburtenkette, denn ich fühle mich wie neu geboren.
Arash
08.04.96
Madras